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Reformationsfeier 2005

Predigt von Dr. Rainer Stuhlmann

Die zentrale Feier zum Reformationstag in der Bonner Kreuzkirche hat Tradition. Zur Predigt wird jedes Mal ein Gast geladen. Dieses Mal der Kölner Pfarrer Dr. Rainer Stuhlmann. Hier finden Sie die Predigt im Wortlaut und zum Download.

Bonner Reformationsfeier (Motiv: J.Gerhardt) Bonner Reformationsfeier (Motiv: J.Gerhardt)

 

Reformationsfeier 2005 in Bonn

Kreuzkirche Kaiserplatz - 31. Oktober 2005, 19.30 Uhr


Predigttext: Matthäus 10, 28-30

28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürch-tet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

Fürchtet Gott! Fürchtet den, der Macht hat, uns zu verderben in der Hölle! Fürchtet den, dem wir mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele ausgeliefert sind!
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft uns dieses Gotteswort. Zur Reformationsfeier haben wir uns aufgemacht. Vielleicht mit wohlwollendem Interesse. In der Erwartung, etwas Erfreuliches zu hören. Und nun sind wir unversehens mit der Hölle konfrontiert. Wie ein Tsunami, wie ein Erdbeben, wie ein Hurrikan. So wird die Wahrheit ans Licht gebracht. Fürchtet Gott! So überrascht uns Jesus. Überrumpelt uns. Wie der plötzliche Tod.

„Was ist aus dem Prediger geworden?“ So werden sich jetzt die fragen, die mich seit Jahren kennen. „Will er wie ein amerikanischer Fernsehprediger den Menschen Angst machen vor Gott? Durch de-zentes Klappern mit dem Sargdeckel Glauben und Wohlverhalten erzwingen? Haben sechs Jahre Köln ihn katholisch gefärbt? Will er uns mit der Hölle drohen und so Angst und Schrecken verbrei-ten wie Tetzel und die Ablassprediger des 16. Jahrhunderts?“

Nicht der Prediger, sondern Jesus ist es, der sagt: „Fürchtet den, der Macht hat, euch mit Leib und Seele zu verderben in der Hölle!“ Und Jesus ist es, der keinen Zweifel daran lässt, dass er für den Gott redet und handelt, der gerade auf diese seine Macht verzichtet. Der die Macht hat zu verderben, ja! Aber der's nicht tut. In Jesu Reden und Tun schaut uns der Gott des Gewaltverzichtes an. Der Gott, der auf seine Macht verzichtet.

Der Jude Jesus redet im Namen des Gottes Israels. Und der unterscheidet sich gerade darin vom Gott der Philosophen und den Göttern der alten und neuen Religionsgeschichte. Schon als Schöpfer erweist Gott seine Macht gerade darin, dass er einen Teil seiner Macht an seine Schöpfung abtritt, seine Macht mit seinen Geschöpfen teilt, also auf Macht verzichtet. Gottes Größe ist, dass Gott sich klein gemacht hat. Weil Gott nur so - uns, seinen Geschöpfen, ganz nahe sein kann. Den Gewaltverzicht Gottes erfahren die, die ihren „Freispruch trotz Beweises“ hören, die dadurch Vergebung, Gnade, Liebe und in dem allen neues Leben und Seligkeit erfahren.

Freilich der Gewaltverzicht Gottes ist alles andere als selbstverständlich. Er ist vielmehr – wie oft, wenn Menschen auf Gewalt verzichten – mit bitterem Leiden erkauft. Indem Gott sich mit dem gekreuzigten Jesus identifiziert, hat Gott selbst sich der menschlichen Gewalt ausgesetzt. Gott hat sich die brutalen Gewaltgeschichten dieser Erde nicht vom Leib gehalten. Die Hölle, die er uns erspart, die hat er selber durchlitten. So hat Gott die menschlichen Passionsgeschichten zu seiner eigenen Passionsgeschichte gemacht.

Das Kreuz, der antike Galgen, ist darum zum Symbol für den Gewaltverzicht Gottes geworden. Ohne von Blut zu reden, ist die Liebe dieses Gottes nicht angemessen zur Sprache zu bringen. Der liebende Gott, der Gott der Liebe ist also nicht der harmlose „liebe Gott“, von dem alle Welt in aller Unverbindlichkeit redet. Nicht der Schmusegott, mit dem alle Welt meint, Hoppereiter spielen zu können. Der Gewaltverzicht Gottes ist Ausdruck seiner Freiheit. Er ist etwas völlig anderes als Machtlosigkeit und Ohnmacht.

Wenn ihr ganz selbstverständlich Ehrfurcht habt vor der Unverfügbarkeit eines Menschen, der euch über alles liebt, wie viel mehr sollt ihr Ehrfurcht haben vor diesem Gott, der aus freien Stücken, aus unergründbarer Liebe auf Macht verzichtet. Fürchtet Gott, der euch liebt, und liebt Gott, den ihr zu fürchten habt!

„Fürchtet Gott!“ Das kann jetzt also nicht mehr heißen: Fürchtet euch vor Gott, habt Angst vor Gott! Was hier gefragt ist, das ist die Ehr-Furcht, die wir auch einem Menschen entgegenbringen, der uns so unerwartet liebt, so überraschend beschenkt, beglückt und selig macht.

Das Evangelium ist also kein allgemeines Gnadenprinzip. Keine „billige Gnade“. Keine Gnade, die Gott aus der Hand gäbe, die wir ohne ihn haben könnten. Habt Respekt vor dem, der gerade als der gnädige Gott für euch ein lebendiges Gegenüber bleibt. Habt Achtung vor Gott wie vor einer guten Freundin und vor einem treuen Freund, die sich euer Wohl haben alles kosten lassen!

*

Ich gestehe, dass ich Schwierigkeiten hatte, den vorgegebenen Bibeltext mit dem mir gestellten Thema in Verbindung zu bringen:„Konzentriert euch!“ Dabei sehe ich den erhobenen Zeigefinger eines kirchlichen Oberlehrers, der seine Kleinen zur Ordnung ruft.

Im Hören auf die Worte Jesu kann ich allenfalls formulieren: „Lasst euch konzentrieren!“ Oder besser: „Lasst euch zentrieren!“ Lasst euch herauslocken aus der geschäftigen Zerstreutheit eures All-tags! Lasst euch eure Mitte vor eure Ohren und Augen stellen! Ihr Evangelischen werdet darin evangelisch, dass Ihr nicht aufhört, Euch Gottes Liebe und damit Leben und Seligkeit in immer wie-der anderen und neuen Lebenssituationen zusprechen zu lassen!

Hört auf mit den dummen Sprüchen, es sei Ausdruck evangelischer Freiheit, sich den Gottesdienst zu sparen, den Dienst Gottes an uns. Als ob wir auch nur eine Woche wirklich glauben könnten in dieser verwirrenden Welt, ohne das Wort zu hören, das sich kein Mensch selber sagen kann. Als ob wir uns durch die Wüsten des Lebens wagen könnten, ohne uns am Tisch des Herrn wie in einer Oase bewirten zu lassen. Lasst euch wieder eure Mitte schenken!

Lasst euch zentrieren, die ihr in unserer Evangelischen Kirche kleine oder große Verantwortung tragt! Lasst euch herauslocken aus der geschäftigen Zerstreutheit kirchlicher Geschaftelhuberei! Ihr Prediger und Predigerinnen, es lohnt sich, Mühe und Schweiß theologischer Arbeit aufzubieten, damit unsere Gottesdienste Gottes Dienst an uns werden, der aufrichtet, befreit und Orientierung gibt. Hört auf, eure Tage zuzubringen in Sitzungen und Besprechungen, bei der Erstellung von Lis-ten und der Gestaltung von Gemeindebriefen und endlose Nächte vor dem PC!

Lasst euch nicht einreden, in den nächsten Jahren ginge es darum, das marode Unternehmen „Kirche“ abzuwickeln. Die sich durch das Evangelium zentrieren lassen, bekommen Lust, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Statt sich von Krisen lähmen zu lassen, können sie Chancen entdecken, wie sich mit Freude Altes um- und neu gestalten lässt.
 
Gott über alle Dinge fürchten und lieben – in diesem Spannungsfeld liegt das Zentrum kirchlicher Präsenz auch in Schulen und Krankenhäusern, in Forum und Kirchenpavillon, von Diakonie und Öffentlichkeitsarbeit, von Musik und Kunst in der Kirche. Lasst euch zentrieren aus diffusen Ängsten zur Furcht Gottes, zur Ehr-Furcht vor dem Gott, der euch mit Liebe begegnet!

*

Der kleine Martin aus Eisleben hat das in seinem Leben genauso erfahren. Die Theologen seiner Zeit hatten ihm ein Gottesbild vermittelt, das ihn in Angst und Schrecken versetzte. Ein Gott, der nicht nur die Macht hat, sonder auch tatsächlich alle mit Leib und Seele in der Hölle vernichtet, die zu Lebzeiten versagt haben. Die Bilder des Kölner Malers Stefan Lochner z.B. oder die Portale der gotischen Kathedralen führen uns heute noch drastisch ihre destruktiven Gottesbilder vor Augen.

Auch als Martin erwachsen wurde, blieb er darum der Kleine Martin. Mit allen Mitteln versuchte er dem großen himmlischen Vater zu gefallen, versuchte, alles richtig zu machen, jeden Fehler zu vermeiden, sich selbst zu disziplinieren und zu perfektionieren. Selbst im Augustinerkloster in Erfurt bei einem asketischen Leben und brutalen Selbstbestrafungen gelang ihm das Leben nicht, das in den gestrengen Augen seines Gottes, wir könnten auch sagen: seines Über-Ichs, Bestand haben konnte.

Bis er endlich über dem Studium der Heiligen Schrift den Gott des Gewaltverzichts entdeckte, den Gott der Liebe. Übrigens fand er ihn zunächst in den Psalmen der jüdischen Bibel und dann im Römerbrief des Neuen Testaments. Erst die Entdeckung des Evangeliums machte ihn auch im Glauben erwachsen. Jetzt konnte er seine infantilen zerstörerischen Gottesbilder hinter sich lassen.

Das berühmte Bild von Lukas Cranach, die Predella der Stadtkirche in Wittenberg, setzt die neue Situation eindrucksvoll in Szene. Martin Luther auf der Kanzel, die linke Hand auf der Bibel, die rechte mit überlangem Zeigefinger zeigt auf Christus, den Gekreuzigten, dessen Lendentuch wie eine Siegesfahne weht.

An die Stelle des berechenbaren Richters, der lediglich auf unser menschliches Tun mit Lohn und Strafe reagiert, ist der Unverfügbare getreten. Der seine Macht im Machtverzicht erweist. Der in seiner Liebe Unberechenbare. Dessen Größe darin besteht, dass er sich klein gemacht hat, verletz-lich wie ein Liebender. Kein Gott in der Hand der Kirche, sondern der Herr der Kirchen. Der Dominus Iesus, über den wie alle Kirchen auch die Römische Kirche nicht verfügen und den sie nicht für sich alleine als Kirche beanspruchen kann.

Prediger und Gekreuzigtem gegenüber stehen die damals prominenten Evangelischen in Witten-berg. Sie sind die Hörenden, die ganz auf Empfang eingestellt sind. Sie hören, dass sie nichts tun müssen, um in den Himmel zu kommen. Seit bald fünf Jahrhunderten ist das das Erscheinungsbild der Protestanten: Aufrecht und mit erhobenem Haupt stehen sie unter der Kanzel. Mündige, erwachsene Christinnen und Christen. Weil sie keine Hand für ihr Heil rühren müssen, haben sie bei-de Hände frei, da zuzupacken, wo sie in der Welt gebraucht werden. Weil sie keinen Finge krümmen müssen, um Gott zu gefallen, haben sie alle zehn Finger frei, da anzupacken, wo die Nächsten sie brauchen.

Zum Glück ist diese Botschaft inzwischen längst auch bei vielen Katholiken angekommen. Im Zuge ökumenischen Lernens wurde die bahnbrechende Entdeckung Luthers zum ökumenischen Allge-meingut. Das trennt uns nicht mehr. Bei vielen ökumenischen Begegnungen wird die Wahrheit des Evangeliums gemeinsam gehört und eingeübt. Das Evangelium selber hat Jahrhunderte alte Gräben überbrückt und die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Kirchen gefördert.

Die Stärkung der Ökumene können auch die Erfahrungen des Weltjugendtages nicht zunichte ma-chen. Eine Dreikönigswallfahrt, um sich einen Ablass zu verdienen? Was für eine Art von Katholizismus ist hier importiert worden, der in Deutschland durch ökumenisches Lernen seit Jahrzehnten überwunden ist!

Ich weiß, wie viele ökumenisch engagierte Katholiken enttäuscht und frustriert wurden, weil alle Versuche, den katholischen Jugendlichen aus aller Welt im Land der Reformation wenigstens an einer Stelle des offiziellen Programms ökumenische Begegnungen anzubieten, brutal von oben abgeschmettert wurden. Kein ökumenisches Zentrum, kein Ökumenetag, kein ökumenischer Brü-ckenweg, keine ökumenischen Gottesdienste!

Wie groß muss die Angst des Kardinals vor dem evangelischen Bazillus sein! Aber das Evangelium lässt sich nicht aufhalten. In vielen katholischen und evangelischen Gemeinden an der Basis lassen sich die Menschen nicht davon abhalten, bei allen Differenzen das Gemeinsame zu fördern, um das Evangelium nicht nur gemeinsam zu hören und einzuüben, sondern es auch am Tisch des Herrn, über den kein Mensch verfügen kann, gemeinsam zu empfangen.

*

Wer Gott über alle Dinge fürchtet und liebt, der kann diesem Gott auch über alle Dinge vertrauen. Darum sagt Jesus: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten... Kauft man nicht zwei Sper-linge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht!“

Ist das nicht eine Spur zu vollmundig?, habe ich mich beim ersten Lesen gefragt. Aber da hatte ich mehr den Wortlaut des Heidelberger Katechismus im Kopf, in dem es heißt:“...dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen...“ Was ist das für ein Gott? Alle Schrecken und Leiden dieser Welt nach seinem Willen? Ein Liebes oder Leides – Gott schickt beides?

Wenn Menschen die Haare ausfallen, dann ist das alles andere als lustig. Oft ist es die Wirkung ei-ner giftigen Arznei, Zeichen für die Bedrohung durch eine tödliche Krankheit. Haarausfall ein frühes Vorzeichen unseres Todes. Fürchtet euch nicht?

Und es sind eben nicht nur Spatzen, die man für einen Groschen im Doppelpack verkauft. Wir leben in einer Welt, in der das Leben eines Menschen nicht einen Pfifferling wert ist. Auch wenn das in Bonn – Gott sei dank! – nicht an der Tagesordnung ist. Es gibt leider zu viele Orte unserer Erde, da werden Menschen behandelt wie Spatzen: gefangen, verkauft, gerupft, geschlachtet, fallen gelassen. Das ist in Bagdad nicht anders als in New Orleans, im Sudan nicht anders als im Gaza-Streifen. Und das geschieht mit Wehrlosen, mit Frauen, mit Kindern, mit Betagten im Einzelfall auch bei uns im gutbürgerlichen Nachbarhaus. Fürchtet euch nicht?

Und dann entdeckte ich eine entscheidende Differenz zwischen dem Wortlaut des Heidelberger Katechismus und dem der Bibel. Das Wort „Wille“ hat der Katechismus in den Text hinein ge-schmuggelt:“...dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen...“ Jesus sagt: Das alles geschieht nicht ohne euren Vater. Da ist er wieder der Gott des Machtverzichts.

Der Katechismus verbreitet ein destruktives Gottesbild, das darum auch in unseren Köpfen steckt. Der Marionettenspieler, der die Fäden im Himmel zieht und die Puppen auf Erden tanzen lässt. Das namenlose Höhere Wesen. Die Vorsehung. Der Allmächtige. Die Projektion menschlicher Wünsche nach Unsterblichkeit, Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart. Ein infantiles Gottesbild.

Aber das ist nicht der jüdische Gott, für den Jesus redet und handelt. Der Gott Israels bricht gerade solche Träume und Allmachtsphantasien auf. Gott lässt auf Erden vieles zu, was gegen seinen Wil-len ist. Unbegreiflicherweise. Gott verzichtet darauf, überall und immer seinen Willen durchzusetzen. So mutet er uns zu, unsere Frage nach dem Warum allen Leidens als unbeantwortbar auszuhal-ten und dennoch zu stellen.

Denn Gott selber mutet sich das Leiden seiner Geschöpfe zu und macht sich am Ende unsere un-beantwortbare Frage zu eigen:„Mein Gott, warum?“. Nicht alles, was auf Erden geschieht, ist nach Gottes Willen. Aber nichts geschieht ohne ihn. In jedem leidenden Geschöpft leidet der Schöpfer mit. „Vor Gott ist nicht einer vergessen“, heißt es im Paralleltext bei Lukas.

Ein Gott, der enttäuscht. Der nicht nach unseren Wünschen ist. Ein solcher Gott ist eine Zumutung. „Ein heruntergekommener Gott“. Gott wie ein Vater und eine Mutter, die nicht vor dem Bösen be-wahren, sondern in dem Bösen ihren Kindern nahe sind. Indem sie es uns wie sich selbst zumuten, trauen sie es uns zu. Also: Ein Gott, der uns enttäuscht, ist ein Gott, der an uns glaubt, der mit uns rechnet, der uns etwas zutraut. Der uns als Erwachsene mit aufrechtem Gang und erhobenem Haupt anspricht. Gerade so lockt er uns ins Vertrauen. Nicht zum blinden Kinderglauben, sondern in das Vertrauen Erwachsener, mündiger Menschen, deren Kritik, deren Denken, deren Mitarbeit gewünscht und gefragt sind. Darum fürchtet euch nicht!

Aus solcher Furchtlosigkeit heraus haben Protestanten immer unsere Welt mitgestaltet. Da gibt es keine Denkverbote – weder in der Evolutionstheorie noch in der Genforschung - , aber eine sachkundige und kritische Begleitung moderner Forschung.

Da werden ungewollt Schwangere nicht im Stich gelassen, sondern ihnen Beratung, Begleitung und Hilfe angeboten, auch wenn das mit der Übernahme von Schuld verbunden ist. Das Bekenntnis zu einem Gott, der unsere Ohnmacht ausgehalten hat, verbietet die Tötung Sterbender und leitet statt-dessen an, Sterbende zu begleiten und ihrer Ohnmacht standzuhalten.

Das Bekenntnis zu Gottes Gewaltverzicht führt zur leidenschaftlicher Suche nach Wegen gewaltfreier Konfliktlösung, aber auch zur Androhung und Ausübung von Gewalt, wenn Recht und Frie-den nicht anders zu gewinnen sind.

Das Bekenntnis zu Gottes Barmherzigkeit fordert eine Kultur der Barmherzigkeit, die sich weder mit der Massenarbeitslosigkeit abfindet noch mit der wachsenden Armut großer Bevölkerungskreise vor allem von Kindern in einem überreichen Land. Wir werden kritisch prüfen, ob sich hinter der Parole „Modernisierung“ nicht der Abbau elementarer Rechte versteckt und mit der Parole „Ent-Bürokratisierung“ nicht „Ent-Solidarisierung“ gemeint ist, die zu Lasten des Gemeinwohls den Eigennutz fördert..

Die im Vertrauen auf Gott begründete Furchtlosigkeit führt zum Engagement für unser Gemeinwe-sen. Gegen eine wohlfeile Politikverdrossenheit sind vor allem junge Menschen zu gewinnen und zu ermutigen, in Parteien und Verbände einzutreten, um politische Verantwortung zu übernehmen.

Zu solchem Dienst im Alltag der Welt werdet ihr ermutigt, gestärkt und begabt im Zentrum, in der Mitte. Darum lasst euch Gottes Zuspruch gefallen, lasst euch beschenken und bewirten! Lasst euch zentrieren, damit ihr auch in Zukunft Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen könnt. Amen

 

Pfarrer Dr. Rainer Stuhlmann, Schulreferent
Deutz-Mülheimer-Str. 316, 51063 Köln
Tel.: 0221-6609747
Email:
Stuhlmann@kirche-koeln.de

 

 

 

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