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Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt, folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Markus 1,16-17

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Buch des Monats - vorgestellt von Gunther Hirschfelder

Nachdenkliches über die Deutschen

Seinen kulturhistorischen Überblick präsentiert der 2005 emeritierte Berliner Althistoriker und Kulturwissenschaftler Alexander Demandt ganz bewusst am Übergang ...

Dr. Gunther Hirschfelder lehrt Volkskunde an der Bonner Universität und ist Presbyter der Lutherkirchengemeinde Bonn-Poppelsdorf. (Foto: Archiv) Dr. Gunther Hirschfelder lehrt Volkskunde an der Bonner Universität und ist Presbyter der Lutherkirchengemeinde Bonn-Poppelsdorf. (Foto: Archiv)

... zum akademischen Altenteil, erlaubt eine derartige Terminierung doch Freiheiten in Gestaltung und Aussage, die einem universitären Jungspund leicht zum Verhängnis werden könnten. Demandt hat diese Freiheiten weidlich genutzt. Er präsentiert eine klassische Kulturgeschichte, die nicht zuletzt deshalb klassisch ist, weil sie weitgehend auf die Ergebnisse der modernen Kulturanthropologie/Volkskunde verzichtet. Überhaupt gibt das eher als Lesebuch konzipierte Werk nur seine Primärquellen an, nicht aber die Forschungsliteratur; ein wissenschaftlicher Apparat fehlt ganz, und das Literaturverzeichnis, das sich eher als Steigbügel zum Weiterlesen versteht, umfasst nur gut eine Seite.

Ist Demandts Kleine Kulturgeschichte also unwissenschaftlich, veraltet und theoriefeindlich? Mitnichten; sie ist einfach nur anders. In 14 Kapitel entwirft der Autor ein Kulturbild, wie er es sieht, wobei seine wissenschaftliche Biografie bewusst Niederschlag gefunden hat. So erklären sich auch gewissen Vorlieben; einmal für die Herleitung der Kultur und der kulturellen Äußerungen aus der Antike, für eine große Gewichtung von Spätantike und Frühmittelalter, Reformationszeit und Renaissance, Barock, Klassik und Romantik (das Konzept Frühe Neuzeit wird irgend möglich vermieden), dann aber auch für Autoren, von denen vor allem Tacitus, Luther, Goethe und Nietzsche immer wieder zu Wort kommen.

 

 

Erfrischende Perspektiven bietet die deutsche Kulturgeschichte kompakt von Alexander Demandt Erfrischende Perspektiven bietet die deutsche Kulturgeschichte kompakt von Alexander Demandt

Ungewöhnlich ist auch Demandts Verwendung des Begriffs „deutsch“. Nicht klassisch bei der mittelalterlichen Teilung des Frankenreichs in jene Hälften, aus denen später Frankreich und Deutschland entstehen sollten, nicht in germanischer Zeit lässt der Autor die deutsche Geschichte beginnen, sondern Neandertaler und Homo Heidelbergenis – letzter hinterließ uns vor immerhin 700.000 v. Chr. seinen Unterkiefer – sind für ihn die ersten Deutschen. Dennoch ist Demandt nicht gegewartsscheu, denn auch Angela Merkel oder der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck finden Erwähnung.

Der verwendete Kulturbegriff speist sich aus zwei Quellen; dem der klassischen Kultur- und Sittengeschichte einer- und dem Hochkultur andererseits. Die Annäherung an das, was unter Kultur verstanden wird, erfolgt zunächst über das Gegensatzpaar Germanen und Deutsche, so der Titel des ersten Kapitels. Hier argumentiert Demandt sprachwissenschaftlich-philologisch und schlägt einen Bogen von den frühesten Belegen germanischer und keltischer Sprache über die kulturellen Einflüsse der Antike bis zur Wiederentdeckung des Germanischen in der Romantik; was sich aus der Perspektive der Volkskunde außerordentlich spannend liest. Dazu tragen immer wieder Zitate bei, die bei aller Schwere des Stoffes unterhaltend sind, wenn im Anschluss an die „Germanophilie“ (S. 29) der Romantik Nietzsche zu Wort kommt, für den die Germanen nicht nur „Schwerfüßler“ und „Rüpel“ waren, sondern gleich die „Alkoholvergiftung Europas“ (S. 35). Sind Demandts Analysen oft von großer Weitsicht geprägt, stiften einige Formulierungen Verwirrung, verwundern Verbindungslinien, die zwischen biologischen und kulturellen Befunden gezogen werden: „Ebenso unbestreitbar wie die sprachliche ist die genealogische Kontinuität, die Abstammung der Deutschen von den Germanen. Der Anteil keltischen und slawischen Erbgutes ist schwer abzuschätzen, war aber in keinem Fall hoch“ (S. 42).

Das zweite Kapitel trägt die Überschrift Land und Leute. Dass die Raumgebundenheit von Kultur gleich zu Beginn konstatiert wird, nimmt der Rezensent ebenso erfreut zur Kenntnis wie die Weite des Spektrums, mit der Ein- und Auswanderungsphänomene von der Frühzeit bis zur Gegenwart gestreift werden. Aber so gelungen die Analyse der historischen Prozesse ist, so eindimensional fällt die Reflexion über die jüngste Entwicklung aus, wenn etwa festgestellt wird, nach langen Phasen der Verfolgung habe der deutsche Sozialstaat den (!) Zigeunern Teilhabe am Wohlstaat ermöglicht (S. 68), beließ es eben dieser bundesrepublikanische Staat doch bei Ausgrenzung und Marginalisierung.

Haus und Familie, das dritte Hauptkapitel, erinnert nicht nur hinsichtlich der Überschrift an Wilhelm Heinrich Riehl, wenn es etwa im Abschnitt über Essen und Trinken heißt: „Hauptmahlzeit der Deutschen war üblicherweise das von der Hausfrau liebevoll bereitete warme Mittagessen, jedenfalls solange der Mann in der Nähe des heimischen Herdes arbeitete“ (S. 95). Symptomatisch: In diversen Passagen, welche die Alltagskultur zum Gegenstand haben, wird eine überkommene Kontinuitätsprämisse bemüht, wird fleißig romantisiert, gerät Altes zum Wertvollen – schade. Das Kapitel Frauen und Liebe geht hinsichtlich Aufbau und Interpretation einen originellen Weg, macht Demandt die gesellschaftliche Stellung doch zunächst am zweiten Vers Heinrich Hoffmann von Fallerslebens "Lied der Deutschen" fest, der ebenso wie der Beginn des Liedes 1952 nicht in die Nationalhymne aufgenommen wurde. Hier geht es um die „deutschen Frauen“, die „zu edler Tat begeistern“ (S. 114). Nicht nur hier stellt der Autor seine außergewöhnliche Belesenheit unter Beweis. Weniger gelungen erscheint dann das anschließende Kapitel (Dorf und Stadt), in dem sich wieder Sätze Riehl’scher Diktion finden, die offenbar ironiefrei gemeint sind, wenn es etwa darum geht, dass altes Hausgerät „in unseren Volkskundemuseen eine solch urdeutsche Aura ausstrahlt“ (S. 140) – wann, bitte, hat der Autor zuletzt ein Volkskundemuseum besucht? Zwar findet man vielerorts eine, wenn man so will, Regionalaura, aber um einer „urdeutschen“ Aura teilhaftig zu werden, bedarf es doch überall eines Gutteils Voreingenommenheit.

Der Wald und die Bäume, Gott und die Welt, Bauten und Bilder, Musik und Theater, Dichter und Denker, Technik und Wissenschaft, Krieg und Frieden, Staat und Recht sowie Spiele, Sport und Feste sind die weiteren Kapitel überschrieben; stets chronologisch von germanischer Zeit bis in die Gegenwart aufgebaut, immer mit den bereits oben erwähnten zeitlichen Schwer-punkten; und durchweg mit einem gewissen Ungleichgewicht. Wo es um die Analyse historisch realer Alltagskultur einer breiten Bevölkerungsmehrheit und ihre Entwicklung bis heute geht, verfällt der Autor in Pauschalisierungen, die weder der Prozesshaftigkeit noch der Raumspezifik von Kultur gerecht werden: „Dorf und Stadt, rustikale und urbare Lebensweise kennzeichnen zwei unterschiedliche Kultursphären. Das Dorf ist die ältere, die Stadt die höhere Siedlungsform. Landleute waren bodenständig und konservativ, Stadtbürger beweglich und fortschrittlich“ (S. 164). Wird dieses Bild dem gewerblich orientierten Umland der rheinischen Gewerbevororte an der Schwelle zum Industriezeitalter gerecht? Oder oberdeutschen, abseits gelegenen Kleinstädten in der Frühneuzeit? Gegenbeispiele ließen sich zuhauf finden. Meist merkt man, wo Demandt wieder sicheren Boden betritt; und das ist der gesamte Bereich der Hochkultur. Hier werden komplexe Sachverhalte virtuos auf das Wesentliche reduziert, hier erlangen die persönlichen Urteile des Autors große Glaubwürdigkeit, auch wenn er aus seiner evangelischen Überzeugung (von Bischöfen und Päpsten liest man auffallend wenig) keinen Hehl macht: „Die Vielseitigkeit seines polyphonen Schaffens, der unerschöpfliche Reichtum an musikalischen Ideen, die Perfektion ihrer harmonischen Verarbeitung erweisen Bach als das größte musikalische Genie aller Zeiten“ (S. 277). Im Bereich von Musik, Politik und Philosophie tritt auch eine feinsinnige und wunderbare Ironie zutage: „’Deutschland, Deutschland über alles’, laut Nietzsche ‚vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist’“ (S. 278).

Was bleibt als Fazit? Die Stolperfallen des Unternehmens sind Alexander Demandt bereits bei der Niederschrift bewusst gewesen, und im Gruß an den Leser zu Beginn und dem Abschied vom Leser am Schluss werden sie freimütig bekannt. Vielleicht wäre es besser gewesen, statt der 14 Kapitel nur sieben oder zehn zu bringen, die aber umfangreicher. Aber solche Überlegungen sind müßig. In der Summe ist Über die Deutschen nämlich überaus begrüßenswert. Denn der Autor verfügt über ein heute seltenes Gut: geistige Unabhängigkeit. Aus volkskundlicher Perspektive sind nationale Stereotypen und nationale Befindlichkeiten zu stark betont worden, und den „deutsche[n] Nationalcharakter“ als „gemeinsamen Nenner der Kulturphänomene“ (S. 471) vorzuschlagen, käme heute wohl niemandem in den Sinn, der Europäische Ethnologie betreibt. Damandt lässt sich aber auch hier kaum in ein Schema pressen, zitiert er Goethe wenig später mit der bissigen Formel „Der Patriotismus verdirbt die Geschichte“. Überhaupt steht Demandt zu seinen Vorbildern, vor allem den antiken, und er kennt sie vorzüglich, er baut elegante Brücken durch die Jahrhunderte, schöpft sein Wissen nicht aus der Sekundärliteratur, sondern aus seinen Quellen; er hat Überblick über Zeiten und Räume, und er beherrscht ein ganzes Bündel geisteswissenschaftlicher Disziplinen (die Volkskunde allerdings leider nicht). Er mutet seiner Leserschaft auch einiges zu. Studierende sollten, wenn sie zum Demandt greifen, ein vernünftiges Konversationslexikon bereit halten, zumindest, wenn sie eigentlich geläufige Dinge wie den Schmalkaldischen Krieg, Petri Kettenfeier oder die Walhalla nicht direkt einordnen können; es ist nämlich ein ganzer Kosmos an Wissen, den Demandt bei Leserinnen und Lesern voraussetzt. Die Freiheit des Autors muss sich übrigens auch das Lesepublikum zueigen machen; das Buch fordert nicht unbedingt dazu auf, immer konform zu gehen; aber man darf ja im Stillen und beim Lesen auch opponieren. Den Studierenden der Volkskunde werde ich dieses Buch jedenfalls gerne zur kritischen Lektüre empfehlen, denn es lehrt viel darüber, was Deutschland ausmacht und wie Kultur in Deutschland konstituiert ist (nicht die deutsche Kultur!) und noch mehr darüber, wie komplex Kultur ist, wie europäisch und universal, und wie groß die Notwendigkeit ist, das Jetzt als Gewordenes zu begreifen.

Alexander Demandt: Über die Deutschen. Eine kleine Kulturgeschichte. Propyläen Verlag, Berlin 2007. 496 S., 70 Farbabb. ISBN 978-3-549-07294-3. 24,90 €.

Eine Kurzfassung dieser Rezension durch Dr. Gunther Hirschfelder findet sich auch im aktuellen PROtestant, der Evangelischen Kirchenzeitung für Bonn und die Region. Diese Langfassung ist auch in der Rheinisch-Westfälischen Zeitschrift für Volkskunde (Hrsg. von G. Hirschfelder u.a.) 2008 erschienen.
 

 

 

Gunther Hirschfelder /

 



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