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Wissenschaftstalk mit dem jüngsten Philosophieprofessor Deutschlands

Auf der Suche nach Wahrheit - Markus Gabriel bei "Grips & Geist"

Auch die rasch herbeigeholten Stühle reichten nicht mehr aus. „Grips & Geist“ meldete ausverkauftes Haus. Mehr als 300 Besucher hatten sich in der Krypta der Kreuzkirche versammelt. Im Mittelpunkt stand der Bonner Jungphilosoph Markus Gabriel.

Prof. Dr. Markus Gabriel, Philisoph und Shootingstar an der Bonner Universität: "Jeder Philosoph braucht einen Therapeuten." Prof. Dr. Markus Gabriel, Philisoph und Shootingstar an der Bonner Universität: "Jeder Philosoph braucht einen Therapeuten."

Sein Name trägt das biblische Erbe: Markus, der Evangelist, und Gabriel, der Erzengel. Die beiden ebenso munteren wie hartnäckigen Moderatoren, Pfarrerin Dr. Wibke Janssen und Pfarrer Joachim Gerhardt, konfrontierten den Shootingstar der deutschen Philosophieszene 60 packende Minuten mit viel Grips und Geist. Wirklich packen aber ließ sich der Gast nicht. "Immer wieder aufstehen" sei sein Lebensmotto, so Gabriel. Und die Philosophie seine größte Liebe und am Ende vielleicht auch sein "letzter Trost im Leben und Sterben". Obwohl. So ganz sicher war er sich dann da doch nicht mehr.

Ansonsten legte Professor Gabriel, der jüngste Philosophieprofessor in Deutschland, höchst anregend und nie um eine Antwort verlegen Zeugnis ab von einem Karriereleben im Sauseschritt: Remagen, sein Geburtsort, Bonn, New York sind nur einige Stationen des "Weltreisenden", der auch mental immer auf gepackten Koffern zu leben scheint. Und immer wieder Brasilien ("das Land meiner Seele und wo möglich auch meiner Zukunft"). Und jetzt wieder Bonn, wo er mit 29 Jahren am eigenen Institut über Philosophie, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Religionsphilosophie sowie die Geschichte des Denkens von Platon über Immanuel Kant bis ins 20. Jahrhundert forscht. Acht Sprachen spricht er fließend. Die Bibel hat Gabriel im Originaltext, Hebräisch und Griechisch, gelesen.
 
Warum ist Philosophie derzeit so populär? Wie denkt ein Philosoph über die Willensfreiheit des Menschen, über Wahrheit und Sünde, Gott und die Liebe? "Der Mensch braucht Philosophie wie die Luft zum Atmen", warb Gabriel. Allerdings. "Jeder Philosoph braucht auch einen Therapeuten." Für einen Augenblick schien es so, als würden die beiden Pfarrer zur Rechten und Linken im Altarraum der Krypta zu Seelsorgern. Doch der "ehemalige Katholik" Gabriel vertraute sich dann doch lieber der eigenen existenziellen Lebensdeutung an. Wahrheit sei doch ohnehin subjektiv, habe schon der weise Kierkegaard gelehrt.

Tempo und Stringenz seiner Ausführungen beeindruckten. Die Bedeutung der Philosophie für das soziale Miteinander der Menschen im Alltag des Lebens allerdings blieb offen. Der Atheismus zumindest ist laut Gabriel "auch keine Antwort, die Menschen wirklich hilft". Der absolute Nichtglauben greife "auch philosophisch gesehen zu schnell ins Leere", erst recht in seiner derzeit zuweilen aggressiven Form mit plakatierten Bussen, die Gottes Nichtigkeit propagierten. Dann war Ende und doch nicht Schluss. Die Diskussion setzte sich fort, erst zu Jazz und Kölsch in der Krypta und dann noch bis in die Nacht in einer Bonner Gaststätte um die Ecke, in die der Grips & Geist-Gast und seine beiden Pfarrer mit einer großen Schar interessierter zumeist Studierender quer durch die Generationen zog: auf der rastlosen Suche nach Wahrheit...

 

 

 

 

Der Wissenschaftstalk der Evangelischen Kirche: eine in ihrer Art einmalige Veranstaltung in der Wissenschaftsstadt Bonn Der Wissenschaftstalk der Evangelischen Kirche: eine in ihrer Art einmalige Veranstaltung in der Wissenschaftsstadt Bonn

Der nächste Gast bei "Grips & Geist", dem Wissenschaftstalk der Evangelischen Kirche in Bonn, steht noch nicht fest. Die Messlatte für eine ähnlich erfolgreiche Veranstaltung liegt hoch.

Gäste des ambitionierten Wissenschaftstalks, unterstützt von Karstadt Bonn, waren bereits der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DGF) Matthias Kleiner, der neue Bonner Unirektor Jürgen Fohrmann, der Staatsrechtler Josef Isensee, der Bonner Nobelpreisträger Reinhard Selten, der Wirtschaftswissenschaftler Meinhard Miegel, der Bonner Volkskundler Gunther Hirschfelder sowie der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Ernst-Ludwig Winnacker. Veranstalter sind das Evangelische Forum Bonn und die Kreuzkirchengemeinde. Der genau 60-minütige Talk wurde auch dieses Mal gerahmt von Live-Jazzmusik mit dem Bonner „Thomas-Kimmerle-Duo“.

 

 

 

Anton Berg / 21.03.2010

 



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