Logo EKiR
10 Jahre Gottesdienst im Bonner Kunstmuseum:

Gegen die Macht der Gewohnheit

Am 21. November 2007, Buß- und Bettag, wird Geburtstag gefeiert. Der zehnte. Solange schon gibt es in Bonn eine Veranstaltung, die bundesweit in dieser Form beispiellos ist, ...

... und inzwischen weit über die Stadt hinaus Beachtung findet: „Gottesdienst im Kunstmuseum“.
Etwa zwei Mal im Jahr trifft sich die außergewöhnliche Gemeinde in dem schlicht-modernen gehaltenen Ambiente des Bonner Kunstmuseums an der Museumsmeile. Keine Kerze, keine Orgel, kein Talar. Gesungen wird auch nicht. Dafür begleiten schon mal elegische Saxophonlänge oder meditative Klarinettentöne die Feier. Im Mittelpunkt steht jeweils ein zeitgenössisches Werk aus einer aktuellen Ausstellung. Joseph Beuys „Erdtelefon“, der „Sonderling“ von Georg Baselitz, zuletzt Sigmar Polkes „Handlinien“ oder damals zum Auftakt Jürgen Patenheimers „Weltachse“ animierten bereits zu existentiellen Gedanken über Gott und Welt und alles, was dazwischen liegt.
„Gottesdienst im Kunstmuseum“ ist zu einem Markenzeichen geworden. Für den kleinen Verein „KunstRaumKirche“ der Lutherkirchengemeinde Poppelsdorf, der Veranstalter ist. Aber auch für das Bonner Kunstmuseum selbst, das nicht einfach nur seine Tore der Kunst interessierten Gemeindeschar öffnet, sondern selbst mit gestaltet. Direktor Dieter Ronte, zumeist aber sein Vize Christoph Schreier sind fest mit dabei, bei der Vorbereitung wie der Durchführung, dort vor allem im Duett mit Pfarrer Jürgen Faber bei der Predigt.
Die Predigt ist mehr eine offene Ansprache denn eine klassische Verkündigung. Auf nachdenkliche, manchmal geradezu charmante Weise verbinden die beiden einen Bibeltext mit der Kunst. Oder ist es doch eher umgekehrt? Erst kommt die Kunst, dann die Kirche?

Manchen Teilnehmern ist das zu wenig Gottesdienst. Die Mehrzahl der Kunstgemeinde fühlt sich in dieser Stunde stiller Kontemplation im säkularen Kulturtempel allerdings bestens aufgehoben. „Es fehlt die Macht der Gewohnheit, die uns ja auch oft ermüdet“, sagt Friederike Faber von KunstRaumKirche. „Es wird nicht vorausgesetzt, dass ich Kirchgängerin bin, ich muss also nicht die Gepflogenheiten eines Gottesdienstes kennen, den traditionellen Ablauf der Liturgie, muss keine Texte kennen oder sogar sprechen. All das entfällt: Vielleicht kann das auch neugierig machen.“
Für Museums-Vize Christoph Schreier öffnen die Gottesdienste seinem Haus einen neuen Horizont. „Bilder sind immer auch Spiegel der eigenen Befindlichkeit“, sagt er. Menschen entdeckten in ihnen das, was ich sehen möchte. Der christliche Glaube setzt dem „Werte, Infragestellungen und Wahrheiten von außen entgegen“. Er könnte sich durchaus vorstellen, „manche gottesdienstlichen Elemente erkennbarer zu machen“, sagt Schreier in die Runde der Vorbereitenden. „Warum nicht ein richtigen Segen zum Abschluss?“ – „Haben wir doch gehabt“, entgegnet Pfarrer Faber. – „Ach so, das habe ich aber gar nicht wahrgenommen“, so Schreier.
Die Diskussion um die Gestalt des Gottesdienstes begleitet das Projekt seit dem ersten Tag. Sie gehört dazu und wird auch nach jedem Gottesdienst bei Brot und Wein im Foyer des Kunstmuseums mit allen Mitfeiernden der beständig wachsenden Gemeinde fortgesetzt. „Der Gottesdienst im Kunstmuseum ist ein Experiment“, betont Pfarrer Faber. Er bleibt es auch, ist sich Schreier sicher, „wenn wir in ein paar Jahren mit Zehntausend im Sportpark Nord feiern.

Nächste „Gottesdienst im Kunstmuseum“ am Buß- und Bettag, 21. November 2007, um 19.00 Uhr, Friedrich-Ebert-Allee (Museumsmeile Bonn / www.kunstmuseum-bonn.de). Zum zehnjährigen Geburtstag steht das „Zerrissenes Tuch“, ein Kunstwerk von Michael Buthe, im Mittelpunkt der Feier. Museums-Vizedirektor Christoph Schreier und Pfarrer Jürgen Faber werden über die existentiellen Aussagen des Werks von Buthe nachdenken. „Zerrissenheit“ ist das Thema. Michael Buthe gehört zu den einflussreichen zeitgenössischen Kunstmalern und Collageuren in Deutschland. Er war auch Bildhauer und Schriftsteller und starb 1994 in Bonn. Sein Werk „Zerrissene Tuch“ entstand 1971. Der Gottesdienst wird musikalisch untermalt auf der E-Gitarre. Anschließend besteht bei Brot und Wein die Gelegenheit zur Diskussion. Der Eintritt ist kostenlos.

 

 

 

Joachim Gerhardt /

 


Willkommen! Social Media Wort zum SonntagSpenden NewsletterGottesdienste Terminkalender PROtestant Kirchengemeinden