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Kirche auf Radio Bonn/Rhein-Sieg:

Wenn die Welt untergeht … vom Umgang mit Katastrophen

Katastrophenmeldungen bestimmen unseren Alltag, zumindest die Berichterstattung in den Medien. Der Bonner Kulturanthropologe Dr. Gunther Hirschfelder hat sich mit dem Phänomen beschäftigt und kommt zu nachdenklichen Ergebnissen.

Dr. Gunther Hirschfelder stellt nicht die vielen Katastrophen an sich in Frage, er hat sich mit dem Phänomen dahinter beschäftigt. (Foto: Archiv Evang. Kirchenkreis Bonn) Dr. Gunther Hirschfelder stellt nicht die vielen Katastrophen an sich in Frage, er hat sich mit dem Phänomen dahinter beschäftigt. (Foto: Archiv Evang. Kirchenkreis Bonn)

Lesen Sie hier und hören Sie hier (siehe Download-Datei unten) den Radio-Beitrag mit dem bekannten Kulturwissenschaftler Dr. Gunther Hirschfelder im Rahmen der Sendung "Himmel und Erde", der Kirchensendung in den Lokalradios NRW, sonntags von 8.00 - 9.00 Uhr, bei uns zu hören auf Radio Bonn/Rhein-Sieg

Anmoderation: Erst kam die Schweinegrippe, dann das Erdbeben auf Haiti, die Ölpest im Golf von Mexiko und jetzt das Jahrhundert-Hochwasser in Pakistan: die Liste der Katastrophenmeldungen ist wirklich schon extrem lang in diesem Jahr und wer weiß, was da noch alles auf uns zu kommt? Der eine oder andere mag jetzt vielleicht denken: "Früher war alles besser" – aber das stimmt schlicht und einfach nicht, meint der  Kulturforscher Gunther Hirschfelder …

Dr. Gunther Hirschfelder: Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Katastrophen. Doch die meisten Katastrophen, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, die haben die Öffentlichkeit gar nicht erreicht. Jetzt im Medien- und Informationszeitalter sind alle Katastrophen sofort auf dem Bildschirm und wir haben den Eindruck, es gibt nichts anderes als Katastrophen.

Joachim Gerhardt: Dieser Eindruck wird bei vielen Menschen noch verstärkt, weil sie Angst vor der Zukunft haben. Einerseits spüren sie: so wie bisher kann es nicht weitergehen – andererseits fehlt ihnen aber die Alternative:

Hirschfelder: Heute ist es so: Wir sind reich, wir haben eine unglaublich lange Friedensperiode in Europa hinter uns, und wir haben den Eindruck, all das ist brüchig, all das wird bald vorbei sein. Die großen Katastrophen werden auf uns hereinbrechen. Wir sind eine Gesellschaft ohne Trost. Und wir sehen eine große Katastrophe vor uns, den Tod, der mehr oder weniger nahe ist. Wir verdrängen das permanent und delegieren das auf die Mattscheibe, wo wir dann den Weltuntergang uns anschauen.

Gerhardt: Die schiere Zahl der Katastrophenmeldungen und wie sie von den Medien verkauft werden, führt nach Ansicht von Gunther Hirschfelder zu einem stillen Gewöhnungseffekt:

Hirschfelder: Die großen Katastrophen sind für uns weit draußen. Das ist ein Erdbeben auf Haiti, das ist die Klimaerwärmung, über eine Milliarde Menschen hungern auf dieser Welt täglich – und es langweilt uns fast schon …. Und dann gibt es andere Katastrophen, Katastrophen, die uns emotional betreffen, die vielleicht Kleinigkeiten sind. Und das ist eine ganz andere Ebene.

Gerhardt: So kann für den einzelnen schon eine kleine Niederlage im Alltag buchstäblich katastrophaler sein, als ein ausgewachsener Wirbelsturm mit Hunderten von Toten. Regeln und Maßstäbe haben sich verschoben. Für den Kulturforscher stellt sich deshalb die Frage:

Hirschfelder: Wer gibt denn in dieser Welt noch Orientierung. Die Medien verunsichern uns, die Politik enttäuscht uns. Aber es gibt einen Anker, der ist in der Tat geeignet, viele Menschen emotional abzuholen, nicht nur die Gläubigen, und das ist die Kirche, weil sie Wertmaßstäbe vorgibt und vorlebt und auch alles ein bisschen relativiert mit der Nachricht: Wir sollen uns nicht immer so wichtig nehmen.

Joachim Gerhardt für Himmel und Erde

Der Beitrag wurde ausgestrahlt am Sonntag, 12. September 2010 (Redaktion: Manfred Rütten)

 

 

 

 

ger / 12.09.2010

 


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