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Das aktuelle "Wort zum Sonntag" aus der Rundschau

Von der Demut

Im Hochchor des Bonner Münsters befinden sich Mosaikplatten mit den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit. Sie sind, und das ist bemerkenswert, um eine fünfte ergänzt: Demut.

Anstoß zum Nachdenken: Das Bodenmosaik von der "Demut" im Hochchor des Bonner Münsters (Foto: J. Gerhardt)

Anstoß zum Nachdenken: Das Bodenmosaik von der "Demut" im Hochchor des Bonner Münsters (Foto: J. Gerhardt)

Dabei muss man wissen: Die Demut ist eine christliche Erfindung. In der Antike, aus der die Lehre der vier Grundtugenden stammt, spielte sie keine große Rolle. Demut war für Griechen und Römer Ausdruck von Schwäche und beschrieb das Verhältnis vom Sklaven zu seinem Herrn.

Dass in der Demut auch der Mut steckt, betonten erst die Christen. Nämlich der Mut, sich ehrlich und offen den eigenen Grenzen zu stellen. Kein Mensch ist allmächtig und ohne Fehler, kein Mensch ist Gott gleich. Und so beschreibt die Demut nach christlichem Verständnis nicht nur das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern auch das der Menschen untereinander.

Demütigsein ist nicht nur eine fromme christliche Haltung, sie führt zum Handeln: Menschen sind mit ihren Stärken und Schwächen aufeinander angewiesen und versuchen das in der Nächstenliebe zu leben. Darum ist eine christlich geprägte Gesellschaft immer auch eine demütige, eine fürsorgliche Gesellschaft.

Auf Latein heißt Demut „Humilitas“. So steht es auch auf der Bodenplatte im Bonner Münster. Demut ist sozusagen wie ein Nährboden, ein „Humus“, aus dem immer wieder neu Gutes wächst. Auch die anderen Tugenden wachsen aus ihr. Vielleicht ist Demut sogar die Voraussetzung dafür, dass Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit gedeihen können.

Wer Demut also heute als hausbacken und altertümlich abtut, dem sei gesagt: Demut ist vielleicht die modernste Tugend und auf jeden Fall eine gute Grundlage nicht nur als schönes Mosaik auf dem Boden eines Kirchenschiffes, sondern für das Zusammenleben von uns Menschen.
Joachim Gerhardt

Kölnische/Bonner Rundschau

Kölnische/Bonner Rundschau

Joachim Gerhardt, Pfarrer an der Bonner Lutherkirche und Pressesprecher des Kirchenkreises Bonn, schreibt alle drei Wochen das "Wort zum Sonntag" in der Gesamtausgabe der Kölnischen/Bonner Rundschau, auf Seite 4 in der der großen Tageszeitung in der Köln-/Bonner Region. Hier erfahren Sie mehr: www.rundschau-online.de

22. Juli 2017


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