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Das aktuelle "Wort zum Sonntag" aus der Rundschau

„Unser täglich Seehund“

Die Kirchenchronik mit bemerkenswerten Gedenktagen weist für diesen Sonntag ein ungewöhnliches Datum aus: „1729: Erste Taufe in Grönland“. Ist das ein Ereignis großer Bedeutung?

Unwirtliche und faszinierend zugleich: die Welt der Arktis - und ein Eisbär ist auch nicht fern (Foto: J. Gerhardt)

Unwirtliche und faszinierend zugleich: die Welt der Arktis - und ein Eisbär ist auch nicht fern (Foto: J. Gerhardt)

Schon ahnt man eine weitere Episode höchst fragwürdiger christlicher Missionsgeschichte.

Doch es war anders: Im Mittelpunkt steht der norwegische Pfarrer Hans Egede. Der Protestant reiste 1721 auf die sagenumwobene grüne Insel (daher der Name Grönland). Er wollte die dort siedelnden Wikinger, zu denen der Kontakt über die eisige See abgebrochen war, in ihrem christlichen Glauben bestärken und alte Gemeinschaft wiederbeleben.

Der Pfarrer landete an der Westküste, fand aber keine Wikinger. Dafür die Ureinwohner der Arktis, die Inuit. Egede war fasziniert von deren Kultur und Fähigkeit, in dieser unwirtlichen Umgebung zu bestehen. Die Inuit begegneten dem frommen, unbekannten Mann aus dem Süden mit Interesse. Und sie verbanden dessen Glauben an den jeden Menschen schützenden und rettenden Christengott gerne mit ihren nordischen Vorstellungen von Gottheit und Erlösung. Gute Mächte sind im Eissturm halt immer willkommen.

Hans Egede erlernte die Sprache seiner Gastgeber und übersetzte zentrale christliche Texte ins Grönländische. Nicht ohne Fantasie und Freiheit: So hieß es im Vaterunser nicht mehr „Unser täglich Brot gib uns heute“ – was für die Inuit völlig unverständlich war, sie kannten kein Brot – sondern  „unseren täglichen Seehund gib uns heute“.

Pfarrer Egede wurde zum „Nationalheiligen“ Grönlands. Er steht für die Einsicht, dass sich eigene Überzeugungen, dass sich der Glaube nicht durch Gewalt, Überheblichkeit oder Selbstgerechtigkeit verbreitet, sondern durch Demut und die Bereitschaft, sich wirklich auf andere Menschen einzulassen. Ein guter Grund auch heute, an diesen Mann zu erinnern.
Joachim Gerhardt

Kölnische/Bonner Rundschau

Kölnische/Bonner Rundschau

Joachim Gerhardt, Pfarrer an der Bonner Lutherkirche und Pressesprecher des Kirchenkreises Bonn, schreibt alle drei Wochen das "Wort zum Sonntag" in der Gesamtausgabe der Kölnischen/Bonner Rundschau, auf Seite 4 in der der großen Tageszeitung in der Köln-/Bonner Region. Hier erfahren Sie mehr www.rundschau-online.de

09.02.2019


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